Der Dachboden
Lisa (18) hat unerlaubt den Dachboden ihres Elternhauses erkundet und findet sich plötzlich in einer Welt wieder, in der mit „Mädchen“ wie ihr ganz anders umgegangen wird, als sie je zu träumen gewagt hätte.
Die Dachbodenluke hatte Lisa schon immer magisch angezogen – genau genommen,
so lange sie denken konnte.
In Ihrer Kindheit war es ihr streng verboten gewesen, den Dachboden zu betreten und wenn sie sich auch sonst nicht unbedingt an Regeln und Verbote gehalten hatte – diese waren ihr sogar oftmals ganz egal gewesen – so hatte sie dieses eine Verbot doch immer brav befolgt.
Doch nun war sie seit drei Tagen offiziell erwachsen und heute würde sie den Dachboden endlich erkunden.
Sie war acht Jahre alt gewesen, als sie mit ihren Eltern und dem damals fünfjährigen Leon – ihrem jüngeren Bruder – in das alte Bauernhaus eingezogen waren. Lisa sah die Dachbodenluke jeden Tag, da sie auf dem Weg von ihrem Zimmer zur Treppe lag, die nach unten in den Flur führte.
Das Mädchen konnte sich die Anziehungskraft, die von dieser Luke ausging zwar nicht erklären doch es schien ihr, als würde sie von einer, ihr unbekannten Quelle, hinauf auf den Dachboden gerufen und nun, da sie das erste Hindernis, das die Luke selbst gebildet hatte, bereits überwunden hatte, war es endlich so weit: Mit einer Mischung aus Aufregung und vielleicht auch einem klitzekleinen bisschen Angst setzte sie einen Fuß auf die unterste Stufe der Treppe, die nach oben in dieses – ihrer festen Überzeugung nach – Magische Reich führte.
Lisa gab sich einen letzten Ruck und erklomm die Treppe – dann stand sie schließlich an dem Ort, nach dem sie sich so sehr gesehnt hatte. Es dauert einen kurzen Moment, bis sich Lisas Augen an das diffuse Dämmerlicht gewöhnt hatten, das wie auf allen Dachböden dieser Welt, auch auf diesem herrschte.
Nachdem dies geschehen war, konnte das Mädchen jedoch alles ganz klar erkennen und ihr war, als hätte sie das Bild, das sich ihr nun bot auch schon des Öfteren in ihren Träumen gesehen: Zwei sehr alt aussehende Schränke, eine alte Schaufensterpuppe, die altmodische Kleidung trug und vor der sie – ein weiteres Zeichen dafür, dass sie den Ort so zu sagen kannte – gar nicht erschrocken war und tatsächlich: die Truhe.
Alles andere war zunächst noch in der schwarzen Dunkelheit, die dahinter herrschte, verborgen – allerdings war es ohnehin die Truhe, die nun ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm und sie für alles andere blind werden ließ.
Mit vor Aufregung zitternden Knien ging Lisa auf die Truhe zu, die ebenso antik war, wie alles andere, was sie bisher gesehen hatte. Lisa legte ehrfürchtig ihre Hand auf den Deckel der Truhe und strich dann – fast zärtlich – über das glatte, irgendwie kalte Holz.
Das massive Schloss der Truhe, dass genau in der Mitte von deren Vorderseite den Eindruck vermittelte, dass dafür ein großer, schwerer Eisenschlüssel benötigt würde, machte Lisa ein bisschen Sorgen: wer in einer solchen Truhe mit Sicherheit wertvolle und aufregende Dinger verwahrte, der verschloss sie auch gründlich. Umso überraschter war Lisa, die nach intensiver Untersuchung den Öffnungsmechanismus entdeckt hatte, als das Schloss nach dessen Betätigung mit einem lauten, mechanischen Klicken aufsprang.
Fast ebenso überrascht war das Mädchen, wie leicht sich der Deckel öffnen ließ. Sie hatte befürchtet, dass der Deckel der Truhe für sie vielleicht zu schwer sein könnte oder dass es sie zumindest sehr viel Kraft kosten würde ihn zu öffnen – umso glücklicher war sie nun, wie mühelos er nach oben aufschwang. „Na, na – was soll das denn werden?“
Lisa schrie vor Schreck und Überraschung laut auf, als sie die männliche Stimme direkt hinter sich vernahm und im gleichen Augenblick wirbelte sie ganz automatisch herum, um zu sehen, wer sich da – scheinbar lautlos - an sie herangeschlichen hatte.
Vor ihr stand ein alter Mann in einem verstaubten Anzug, der sie vorwurfsvoll ansah, da er sie aus seiner Sicht wohl auf frischer Tat bei etwas Verbotenem erwischt hatte, was auf gewisse Art ja auch stimmte. Doch wer war dieser Mann und wie war er in ihr Haus und auf den Dachboden gekommen und warum hatte Lisa ihn nicht gehört?
Schließlich hatte er ja – genau wie sie – die Treppe hoch zum Dachboden überwinden müssen und die hatte bei Lisas Aufstieg an einigen Stellen laut hörbar gequietscht und geknackt.
„Wer sind Sie?“, fragte Lisa – die anderen Fragen konnten später geklärt werden.
„Ich bin der Buttler“, antwortete der Mann „und ich werde Dich jetzt umgehend zur Gouvernante bringen, die dann entscheiden wird, was mit einem Mädchen, dass sich über Verbote hinwegsetzt und an fremdem Eigentum zu schaffen macht, geschehen soll“.
Mit diesen Worten packte er das Mädchen am Arm und zog es in Richtung des alten Schrankes, der bereits zuvor Lisas Aufmerksamkeit erregt hatten.
Lisa war zu überrascht, um zu protestieren und stellte zugleich fest, dass der Mann deutlich stärker war, als er - aufgrund seines Alters und seiner ausgemergelten Statur – zunächst auf Lisa gewirkt hatte. Daher zog er sie – obwohl Lisa ihre Füße fest in den Boden stemmend und sich, nach hinten lehnend, so schwer wie möglich machte – mühelos zum Schrank.
,Er wird mich da drinnen einsperren‘, dachte Lisa und bekam nun wirklich Panik „Hilfe !!!“, schrie sie auch schon im nächsten Augenblick, obwohl sie – ebenso wie der Mann, der sich ihr als der Buttler vorgestellt hatte – wusste, dass niemand da war, der sie hören könnte.
Als der Buttler schließlich vor dem Schrank anhielt, umfasste seine eine Hand noch immer mit eisernem Griff Lisas Handgelenk, während er mit der anderen die Schranktür öffnete.
Weder zu diesem, noch zu einem anderen Zeitpunkt hätte Lisa sagen können, was sie mehr überraschte: die Tatsache, dass der Buttler vor ihr in den Schrank stieg und sie dabei weiterhin hinter sich herzog oder das bläuliche Licht, dass wie aus weiter Ferne im Inneren des Schranks zu sehen war.
Lisa kam es vor, als würde sich die Welt einmal um 180 Grad drehen, als sie auch schon wieder aus dem Schrank hinaustraten. Nun jedoch – so dachte das Mädchen – an dessen Rückseite, denn sie waren, Lisas Gefühl zufolge, zunächst mehrere Schritte in Richtung der Rückwand gelaufen.
Umso überraschter war Lisa, als sie den Schrank erneut durch dessen Vordertür verließen und sich plötzlich in einer komplett anderen Umgebung befanden: Der Schrank stand nun in einem Büro und da sein Standort genau gegenüber einem Schreibtisch lag, wurde Lisas volle Aufmerksamkeit sofort von der ebenso faszinierenden, wie auf Gewisse Art und Weise auch erschreckenden Frau in Anspruch genommen, die dahinter saß.
Diese war in irgendwelche Dokumente vertieft und hatte ihre Ankunft scheinbar noch gar nicht registriert – was Lisa zunächst am meisten faszinierte und ihr gleichzeitig eine Gänsehaut bescherte, war die Tatsache, dass die Frau ein Monokel trug.
Lisa kannte den Begriff für diese – im Gegensatz zu einer Brille aus nur einem Glas bestehenden – Lesehilfe aus einem Buch, dass ihr Vater ihr früher einmal vorgelesen hatte.
Im wirklichen Leben hatte sie diesen Gegenstand jedoch noch nie gesehen – geschweige denn eine Person, die ein solch veraltetes Artefakt getragen und benutzt hätte.
Mit wachsenden Unbehagen war dies nur ein Grund, weshalb sie sich zu fragen begann, ob das alles hier tatsächlich real war. Als Lisa noch immer diesem und anderen Gedanken, nachhing, machte der Buttler mit einem unüberhörbaren Räuspern auf sich und seine Begleiterin aufmerksam, woraufhin die Frau hinter dem Schreibtisch den Blick hob.
„Buttler“, sagte sie erstaunt „was führt Dich so lange vor der Zeit zu mir und noch viel wichtiger: Was hast Du da mitgebracht?“
„Ich bitte unterwürfigst um Verzeihung verehrte Gouvernante“, stammelte der Buttler „diese kleine Göre hier ist in meinen Bereich eingedrungen und war gerade dabei die Truhe zu öffnen, als ich sie auf frischer Tat erwischt habe. Mir erschien es als das Vernünftigste, sie umgehend zu Ihnen zu bringen“.
„Du hast die richtige Entscheidung getroffen Buttler und ich schlage vor, Du lässt uns jetzt allein und gehst zurück in Deinen Bereich“. Ohne eine Erwiderung – dafür mit einer leichten Verbeugung – ließ der Buttler Lisas Handgelenk, das sich inzwischen wie ihre gesamte Hand ganz taub anfühlte – los, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand erneut im Schrank, dessen Tür mit einem kaum hörbaren Klicken hinter ihm ins Schloss fiel.
„Wie heißt Du Mädchen und was hattest Du auf dem Dachboden verloren – haben Dir Deine Eltern nicht ausdrücklich verboten, dort hinaufzugehen?“
Die Stimmer der Gouvernante klang anklagend und vorwurfsvoll, was Lisas Unbehagen noch verstärkte – wo war sie hier nur hineingeraten?
„Ich heiße Lisa und er Dachboden hat mich gerufen“. Was ihren Namen anging war die Frage der Gouvernante einfach zu beantworten gewesen und was den Grund für ihren Ausflug auf den Dachboden anging, so war auch das die Wahrheit und ansonsten die ersten Worte, die dem Mädchen in den Sinn gekommen waren. „
So sei es“, sagte die Gouvernante rätselhaft „Was ist mit dem Verbot?“. Lisa sah verschämt zu Boden und errötete, gab jedoch keine Antwort.
„Ich habe Dich etwas gefragt Lisa und ich stelle diese Frage nur noch ein einziges Mal: War es Dir erlaubt, den Dachboden zu betreten oder haben es Dir Deine Eltern verboten?“
„Sie haben es verboten“, gab Lisa schließlich kleinlaut zu, ohne dabei ihren Blick zu heben.
„Schau mich gefälligst an, wenn ich mit Dir rede“, fuhr sie Frau, die auch Lisa in Gedanken inzwischen als die Gouvernante bezeichnete, nun unvermittelt an und das Mädchen zuckte unwillkürlich zusammen, während sie mehr als froh war, dass der Schreibtisch und eine gewisse Distanz zwischen ihr und dieser nun sehr barschen Stimme lagen.
„Mir ist durchaus bewusst, dass die Konsequenzen, die ein Mädchen in Deinem Alter, das sich über Verbote hinwegsetzt – sofern es in Deiner Realität überhaupt welche zu erwarten hat – in unseren beiden Welten nicht im Geringsten miteinander vergleichbar sind. Da Du allerdings beim Betreten des Dachbodens auch gleichzeitig die Schwelle ins DAVOR überschritten hast, wirst Du nun die Konsequenzen und Regeln meiner Welt kennenlernen“.
Lisa hatte die Worte der Frau zwar gehört, konnte aber nicht wirklich etwas damit anfangen – zwar kannte sie die grobe Bedeutung des Wortes Konsequenzen, aber was faselte die Alte da von einer Schwelle ins DAVOR?
,Was sollte der ganze Unsinn?‘ - Lisa wünschte sich mehr und mehr endlich aufzuwachen.
„Mit der Bedeutung des Wortes Konsequenzen hast Du soweit recht und da Du das DAVOR nicht kennst, will ich Dir von Beidem ein bisschen etwas zeigen“
Noch während dem Mädchen schlagartig bewusst wurde, das die Gouvernante ihre Gedanken lesen konnte, war diese auch schon mitten in Lisas Kopf, durch den nun in immer schneller werdender Abfolge eine Reihe von Bildern und schließlich kurze Sequenzen schossen, die Lisa – so verrückt es in dieser Situation war – an YouTube Videos denken ließ: Da stand die Gouvernante vor einem anderen Mädchen oder eher einer jungen Frau. Diese trug ein schmutziges - ehemals wohl weißen Kleid - und wurde von der Gouvernante dafür getadelt, dass sie das schöne Kleid ruiniert hätte.
Im nächsten Moment packte die Gouvernante die junge Frau und klemmte sie sich unter den Arm – erst da fiel Lisa auf, wie groß die Person war, in deren Büro sie hier gestrandet war.
War die Gouvernante überhaupt eine Person oder doch nur eine Erscheinung – ein Traum oder gar ein Geist – Lisa vermochte es nicht zu sagen.
In der Vision, die sie noch immer klar vor Augen hatte, rutschte das schmutzige Kleid der jungen Frau nach oben, wobei ihre blütenweiße Unterhose zum Vorschein kam.
Diese zog die Gouvernante ihr nun mit einem Ruck herunter, woraufhin sie umgehend damit begann, den – zu diesem Zeitpunkt ebenfalls noch schneeweißen Po der jungen Frau zu versohlen, bis er dunkelrot leuchtete.
In einer anderen Sequenz, die ebenfalls wie ein Film durch Lisas Kopf flimmerte, stand diesmal ein Mädchen mit dem Rücken zu einer Schulklasse gleichaltriger.
Sowohl die Lippen des Mädchens, als auch die der Gouvernanten bewegten sich, wann immer die beiden sprachen – doch Lisa konnte nichts hören. Dann ging die Gouvernante zum Lehrerpult, auf dem ein Rohrstock lag, den sie nun zur Hand nahm. Nachdem sich die Lippen der Gouvernanten erneut kurz bewegt hatten, beugte sich das Mädchen vornüber und zog ihr Kleid nach oben.
„Für das Vergehen, dessen Du Dich schuldig gemacht hast, schicke ich Dich für eine Woche ins Internat“ – mit diesen Worten riss die Gouvernante Lisa aus dem, was ihr wie ein Traum im Traum erschienen war und sie bekam gerade noch mit, wie die Frau mit einem kleinen Holzhammer auf eine ebenfalls aus Holz gefertigte, kleine Platte schlug – genau wie ein Richter bei einer Urteilsverkündung.
Lisa erholte sich erst langsam von dem Schock, den ihr die Bilder in ihrem Kopf beschert hatten, als ihre Gedanken auch schon wieder zu rasen begannen: ,Welches Internat und wie kam diese Frau dazu, sich einzubilden, sie könne Lisa überhaupt irgendwohin schicken?‘
Die Gedanken des Mädchens überschlugen sich, als die Gouvernante auch schon fortfuhr: „Ich weiß, dass Du verwirrt bist und bevor Du ins Internat gehst werde ich mir Zeit nehmen, um Dir ein paar Dinge zu erklären – allerdings werde ich Dich jetzt erst einmal bestrafen“, mit diesen Worten erhob sich die Gouvernante und kam bedrohlich schnell auf Lisa zu.
Diese wich unwillkürlich zurück – von den drei Möglichkeiten, die sich dem menschlichen Geist in einer Situation wie dieser boten, hatte Lisas Verstand den Fluchttrieb gewählt – einer spontanen Eingebung folgend, machte sie auf dem Absatz kehrt und rannte zum Schrank.
Dort angelangt rüttelte sie jedoch vergeblich an dessen Türen – denn es schien, der Buttler hatte diese vorsorglich von Innen verschlossen …